Ist die konventionelle Akutbehandlung von Psychosen etwa evidenzbasiert?

Häufig wird gegen gegen die Soteria eingewendet, dass sie nicht evidenzbasiert sei. Für die Akutbehandlung der Psychosen sei ebenso wie in anderen Bereichen der Medizin auch zu fordern, dass Methoden angewandt werden, die sich in randomisiert kontrollierten Studien als effektiv erwiesen hätten. In konventionellen Aufnahmestationen könne dies besser erreicht werden.

Aber ist die Behandlung in konventionellen Akutstation tatsächlich so evidenzbasiert wie diese Kritik unterstellt? Und ist Soteria nicht evidenzbasiert?

Für die Soteria lässt sich dies rasch beantworten. Zwar existieren für die Soteriabehandlung eine Vielzahl von Verlaufsbeobachtungen und qualitativen Studien, allerdings haben lediglich die Gründerväter Loren Mosher und Luc Ciompi randomisierte kontrollierte Studien durchgeführt. In diesen ist die Soteriabehandlung in Bezug auf die psychotische Symptomatik mindestens so wirksam wie konventionelle Akutbehandlung, allerdings bei deutlich längeren Aufenthaltszeiten und geringerem Neuroleptikagebrauch [1].

Aber ist die konventionelle Akutbehandlung tatsächlich so viel evidenzbasierter? Und sind die Effekte auch größer? Nein! Denn Forschung beginnt nämlich erst da, wo Probanden in der Lage sind, ihr Einverständnis zur Teilnahme an einer Studie abzugeben – und die dafür notwendige „Einsichtsfähigkeit“ ist erst gegeben, wenn hochakute Symptome zumindest zum Teil abgeklungen sind. Für die Akutbehandlung liegen deshalb von wissenschaftlicher Seite lediglich Empfehlungen vor, die nur auf Erfahrungen und Einschätzungen beruhen. Ob die nachgewiesenen Effekte von Psychoedukation, Verhaltenstherapie oder metakognitivem Training auch für die Akutbehandlung gelten, darf deshalb bezweifelt werden.

Und „effektiv“ heißt bei der Psychosenbehandlung leider eben nicht „alltagsrelevant“. Eine der großen Herausforderung in der Psychosenbehandlung besteht tatsächlich darin, dass die Effekte nahezu sämtlicher psychosozialen Interventionen eher gering sind, mit der Zeit nachlassen und dass sie sich kaum nachhaltig im Alltag der Patienten auswirken. So ist z.B. der Einfluss von kognitiver Verhaltenstherapie auf das Alltagsniveau nach einer aktuellen Metaanalyse [2] sehr gering und kaum nachhaltig. Ähnliches gilt auch für Psychoedukation [3] oder das kognitive Training [4].

Viel wichtiger für die Akutbehandlung erscheint, inwieweit Betroffene ihre Behandlung so erleben, dass sie eine längerfristige ambulante Unterstützung akzeptieren. Eine große Anzahl von Studien, die die persönlichen Erfahrungen von Menschen mit Psychosen ausgewertet haben [5], betonen die Bedeutung, einen „Sinn“ in der Psychose zu finden, sich persönlich über subjektives Erleben auszutauschen und sich von den einseitigen Erklärungsmustern der Psychiatrie zu lösen

Überfüllte Stationen, das Erleben von Zwangsmaßnahmen, die Unterordnung in mehr oder weniger rigide Abläufe, die Lautstärke oder der Mangel an Beziehungsmöglichkeiten mit den Mitarbeitern beeinflussen erheblich die kurzfristige Behandlungszufriedenheit und potentiell auch den längerfristigen Verlauf. In allen Leitlinien zur Akutbehandlungen wird ausdrücklich auf die Bedeutung kooperativer Entscheidungsfindung, reizarmer Umgebung und personeller Kontinuität hingewiesen wird (siehe z.B. [5].

Diese Forderungen sind alle integraler Bestandteil des Soteria-Gedankens. Insofern gelingt im Umfeld der Soteria die Umsetzung von Behandlungsempfehlungen häufig viel einfacher als auf konventionellen Akutstationen. Die Soteria ist insgesamt milieutherapeutisch ausgerichtet,aber natürlich werden empirisch begründete Behandlungsmaßnahmen nicht abgelehnt (z.B. bietet die Soteria Reichenau auch das metakognitive Training an), sofern sie Rahmen einer informierten gemeinsamen Entscheidung erfolgen und nicht Teil einer standardisierten „Stundenplan“-Behandlung sind.

 

Literatur

1 Calton T, Ferriter M, Huband N, Spandler H: A systematic review of the Soteria paradigm for the treatment of people diagnosed with schizophrenia. Schizophr Bull 2008;34:181–92.

2 Laws KR, Darlington N, Kondel TK, McKenna PJ, Jauhar S: Cognitive Behavioural Therapy for schizophrenia – outcomes for functioning, distress and quality of life: A meta-analysis. BMC Psychol 2018;6:1–10.

3 Lincoln TM, Wilhelm K, Nestoriuc Y: Effectiveness of psychoeducation for relapse, symptoms, knowledge, adherence and functioning in psychotic disorders: a meta-analysis. Schizophr Res 2007;96:232–245.

4 Wykes T, Huddy V, Cellard C, Mcgurk SR: A Meta-Analysis of Cognitive Remediation for Schizophrenia: Methodology and Effect Sizes 2011;472–485.

5 Boydell KM, Stasiulis E, Volpe T, Gladstone B: A descriptive review of qualitative studies in first episode psychosis. Early Interv Psychiatry 2010;4:7–24.

6 Hasan A, Falkai P, Wobrock T, Lieberman J, Glenthøj B, Gattaz WF, et al.: World Federation of Societies of Biological Psychiatry (WFSBP) guidelines for biological treatment of schizophrenia–a short version for primary care. Int J Psychiatry Clin Pract 2017;21:82–90.

 

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Herzliche Grüße

Daniel Nischk
d.nischk@zfp-reichenau.de