Soteria ist für Menschen mit Psychosen gedacht und konzipiert. Sind Soteria-Prinzipien aber auch für Menschen mit anderen Störungen anwendbar? Diese klassische Frage durchzieht die Soteria-Bewegung seit ihrer Entstehung, auch wenn die Erfahrungen von Harry Stack Sullivan, Maxwell Jones oder Wilfried Brion schon immer auf das Entwicklungspotential therapeutischer Gemeinschaften hinwiesen.
Das Thema „Neurodiversität“ als aktuelles gesellschaftliches wie psychiatrisches Diskursfeld rollt die Frage, für wen Soteria geeignet ist, neu auf – und erlaubt eine erneute Bestandsaufnahme mit aktuellen gesellschaftlichen wie wissenschaftlichen Konzepten. Im Folgenden möchten wir unsere Erfahrungen mit neurodiversen Menschen im Kontext der Soteria anhand des Resonanzprinzips analysieren und dadurch der Diskussion zugänglich machen. Ausgangspunkt ist, dass das Thema Neurodiversität uns auch zunehmend als klinisch Tätige in der Soteria beschäftigt. Der gegenwärtige Fokus auf diese Thematik hat uns aufgezeigt, dass ADHS oder ASS nicht selten Hintergrundphänomene bei psychotischen Krisen darstellen. Nach unserem Eindruck macht dieses früher oft übersehene Phänomen auch die schwierigen und konflikthaften Behandlungen vieler einst als „Systemsprenger“ und „Drehtürpatienten“ benannten Patientinnen und Patienten etwas verständlicher.
Neurodiversität in der Psychiatrie
Neurodiverse Menschen fühlen sich in den konventionellen psychiatrischen Settings regelhaft überfordert – sind diese doch für neurotypische Menschen konzipiert und setzen u.a. voraus, dass Patientinnen und Patienten längere Gespräche führen können, sich in Gruppen zurechtfinden, implizite soziale Regeln verstehen und ihre inneren Zustände sprachlich reflektieren können. Was oft als mangelnde Motivation, Widerstand oder fehlende Krankheitseinsicht interpretiert wird, kann auch Ausdruck einer anderen, neurodiversen Art der Wahrnehmung und Informationsverarbeitung sein.
Passung zwischen Mensch und Umwelt
Eine zentrale Konsequenz daraus ist, Schwierigkeiten nicht ausschließlich im Individuum zu verorten. Entscheidend ist die Passung zwischen Mensch und Umwelt. Wer sich in der Umwelt nicht zurechtfindet, der reagiert mit Symptomen: Das stimmt für Menschen mit Psychosen, Neurodiversität – eigentlich können alle psychische Störungen (auch) als Passungsproblem verstanden werden.
Unsere Erfahrungen in der Soteria Reichenau mit neurodiversen Menschen (in psychotischen Krisen) scheint zu zeigen, dass wesentliche Elemente des Soteria-Milieus auch für neurodiverse Menschen hilfreich sein können, d.h. „passend“ sind: Eine kleine überschaubare Gemeinschaft, möglichst kontinuierliche Beziehungen, eine reizarme Umgebung, klare Tagesstrukturen und vor allem gemeinsames Alltagshandeln. Einkaufen, Kochen, Aufräumen, Spielen oder gemeinsame Unternehmungen sind dabei nicht lediglich Beschäftigung. Sie schaffen reale Situationen, in denen soziale Abstimmung, Planung, Priorisierung, Nähe und Distanz unmittelbar erfahren und eingeübt werden können. Therapie findet damit nicht nur im Gespräch über das Leben, sondern im gemeinsamen Leben selbst statt.
Resonanz als therapeutisches Prinzip
Auf Basis der Passung kann Resonanz zum sozialen wie physischen Umfeld entstehen, d.h. Menschen gehen eine lebendige Verbindung zu Menschen, Dingen oder Tätigkeiten ein, verändern die Umwelt und werden auch verändert – ein Zustand uns Menschen im Hier-und-Jetzt verankert und allgemein als belohnend und zuweilen auch transformativ erfahren wird.
Bei Autismus können solche Resonanzen beispielsweise besonders über strukturierte Tätigkeiten, Gegenstände oder Spezialinteressen entstehen. Bei ADHS wechseln dagegen häufig intensive Phasen der Beteiligung und des Hyperfokus mit Überforderung, Reizüberflutung und Abbruch.
Im Sinne des Resonanzprinzips geht es deshalb nicht darum, vermeintlich problematische Verhaltensweisen zu stoppen. Vielmehr sollten alternative Resonanzmöglichkeiten entstehen, etwa beim gemeinsamen Kochen, Bewegung, Musik, handwerklicher Tätigkeiten oder im Spiel – jenseits von Anpassung, Masking oder Durchhalten von schwierigen Situationen. Denn in der Resonanz mit dem Umfeld entstehen dann auch Enwicklungsmöglichkeiten: Neue Fähigkeiten werden eingeübt, die die psychosoziale Verselbständigung fördern.
Anpassung – aber nicht um jeden Preis
Neuroinklusive Behandlung bedeutet dabei weder, sämtliche Anforderungen von den Betroffenen fernzuhalten, noch von ihnen einseitige Anpassung zu verlangen. In der Soteria lässt sich dieses Spannungsfeld im Alltag immer wieder konkret aushandeln: Was kann der Einzelne verändern und lernen – und wo muss sich die Umwelt anpassen? Das muss in der Realität der gemeinsamen Aufgaben in der Soteria pragmatisch geklärt werden, jenseits von „Identititäts“-Polemik oder kapitalistischer Anpassungslogik.
Funktioniert Soteria auch bei Neurodiversität?
Es zeigt sich, die meisten Grundhaltungen die für Menschen mit Psychosen gelten, stimmen auch für Menschen mit neurodiversem Hintergrund:
- Neurodiversität nicht ausschließlich als Defizit, sondern als menschliche Varianz verstehen.
- Diagnosen als hilfreiche Beschreibungen, nicht als unveränderliche Identitäten betrachten.
- Verhalten zunächst aus der Perspektive der Betroffenen zu verstehen versuchen.
- Reizarme, überschaubare und verlässliche soziale Räume schaffen.
- Gemeinsames Handeln stärker gewichten als ausschließlich gesprächsorientierte Therapie.
- Konkrete Lebensziele wie Wohnen, Ausbildung, Arbeit, Beziehungen und Freizeit in den Mittelpunkt stellen.
Anpassung der Person und Anpassung der Umwelt immer wieder neu gegeneinander abwägen.
Die „Psychiatrie“ kann vom Soteria-Paradigma gewinnen
Dass kleine soziale Gemeinschaften wie die Soteria bei ganz unterschiedlichen psychischen Problemen hilfreich sind, davon zeugen eine Vielzahl von Erfahrungen, u.a. von Maxwell Jones, R. D. Laing, Harry Stack Sullivan und vielen anderen. Unsere klinischen Erfahrungen im Kontext von Neurodiversität scheint darüber hinaus auf das Potential im Bereich Neurodiversität hinzuweisen. Die aktuellen Debatte um eine neuroinklusive Psychiatrie erinnert uns darüber hinaus einmal mehr, dass Störungen nicht einseitig in der Person verortet werden können, sondern ebenso Ausdruck mangelnder Passung zwischen Mensch und Umfeld sein können. Und daraus folgt einmal mehr, dass wir Behandlungsangebote aus dem anders gearteten Weltbezug der Betroffenen denken und umsetzen müssen.
Wie müssen wir therapeutische Umwelten gestalten, damit unterschiedliche Menschen in ihnen ihren eigenen Weg zu Beziehung, Selbstwirksamkeit und gesellschaftlicher Teilhabe finden können?
Vielleicht liegt gerade darin eine besondere Aktualität des Soteria-Gedankens.
Der ausführliche Beitrag von Daniel Nischk, Simon Senner und Almut Carolus „Wohin mit all den neurodiversen Menschen? Erfahrungen aus dem Kontext der Soteria“ vertieft diese Überlegungen und diskutiert insbesondere die Bedeutung von Resonanz, Alltag und therapeutischem Milieu.