Luc Ciompi auf der DGPPN-Jahrestagung 2019

Anlässlich seines 90. Geburtstages trug Luc Ciompi seine persönliche Reflektionen zum Rätsel der Schizophrenie auf dem diesjährigen DGPPN-Kongress in Berlin vor – ohne Frage eine Highlight, dem mehrere Hundert Besucher im Saal sowie auf den Leinwänden im Außenbereich folgten. Seine Ausführungen waren ebenso persönlich, bewegend wie zukunftsweisend. Er schilderte seine persönliche und wissenschaftliche Annäherung zur „Sphinx“ der Schizophrenie: Dies beinhaltete u.a. die prägende Erfahrung mit der Erkrankung in seiner Familie, seine auf eigener Forschung beruhende Erkenntnis, dass die Schizophrenie häufiger als angenommen auch „heilen“ kann sowie die langjährige intensive Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse, der systemischen Therapie und auch antipsychiatrischen Ansätzen, die sich schließlich zu einem umfassenden Schizophrenie-Verständnis in Form seiner „Affektlogik“ verdichteten. Psychose entstehe bei vulnerablen Menschen als Folge eines unerträglichen Anstiegs der Affektspannung. Und Soteria sei der fundierte Versuch, diese durch milieutherapeutische Mittel zu reduzieren, was sich durch Forschung, klinische Erfahrung und auch aktuelle Forschung belegen lasse. Der Vorsitzende der Vortragsveranstaltung, Prof. Falkai, Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie an der LMU München, nannte im Anschluss an den Vortrag Ciompi’s Wirken einen „Volltreffer der Translation“ und stellte besonders die erfolgreiche Übersetzung der Forschungsergebnisse in die therapeutische Praxis heraus. Bei der folgenden Diskussion, die sich v.a. um die Frage drehte, warum dennoch nicht mehr Soteria-Einrichtungen existieren, wurden v.a. die weiterhin unzureichende Datenlage, mit der eine Überlegenheit von Soteria gegenüber der herkömmlichen Klinikbehandlung nachgewiesen werden kann, sowie ökonomische und strukturelle Zwänge als Hinderungsgründe identifiziert. Dennoch endete die Veranstaltung mit einem vorsichtig optimistischen Ausblick und der von allen Beteiligten geäußerten Hoffnung, dass in nächster Zeit weitere Soteria-Einrichtungen initiiert werden. Insbesondere die Tatsache, dass nach der Charité in Berlin nun mit dem ZI Mannheim eine weitere Universitätsklinik eine Soteria eröffnet hat, wurde als positives Signal für die Zukunft der Soteria-Idee gewertet.

Nachlese der Jahrestagung in Bonn

Dr. Walter Gekle

Am 15.-16.11.2019 fand in den Rheinischen Kliniken Bonn die diesjährige Jahrestagung der IAS statt. Michael Schormann und sein Team berichteten ausführlich, wie die individuelle und intensive Betreuung der Patienten in der Soteria-Station die eigene Arbeit bereichert und sich auch positiv auf die Behandlungsqualität der gesamten Klinik auswirkt. Besonders interessant: Im Rahmen eines Modellprojektes werden stationäre und ambulante Behandlungselemente im Sinne langfristiger individuenzentrierter Unterstützung vernetzt – eine Chance und Herausforderung für die Soteria-Gemeinschaft hier an der Speerspitze einer zukunftsfähigen Psychiatrie zu stehen. Daran anknüpfend bot Dr. Walter Gekle, Leiter der Soteria in Bern, einen umfassenden Überblick, wie Soteria nicht nur in besonderer Weise auf die speziellen Einschränkungen und Bedürfnisse von Menschen mit akuten Psychosen eingeht, sondern auch ideale Möglichkeiten bietet, die aktuellen S3-Behandlungsleitlinien der Psychosebehandlung umzusetzen. Walter Gekle unterstrich besonders die Bedeutung der Stationen mit Soteria-Elementen: diese könnten wesentliche Multiplikatoren darstellen, die den Soteria-Gedanken stärker als bisher in der Fachöffentlichkeit verankern können. Zum Vortrag gelangen Sie hier.
Auf der öffentlichen Mitgliederversammlung der IAS am Samstag wurde Dr. Alexander Gogolkiewicz aus Zwiefalten einstimmig in den Vorstand der IAS gewählt. Dr. Gogolkiewicz, Chefarzt in Zwiefalten, möchte insbesondere die Öffentlichkeitsarbeit intensivieren. Es sei erschreckend, dass Soteria immer noch nicht allen Betroffenen, Angehörigen und Profis ein Begriff sei. Auch Martin Urban, der den Soteria-Gedanken innovativ in den Bereich der Eingliederungshilfe in seinem „Haus der Hoffnung“ implementiert hat, mahnte abschließend: Soteria sei nicht nur „wünschenswert“ – sondern klinische Notwendigkeit, weil Soteria angemessener mit den Besonderheiten der Erkrankung umgehe. Soteria soll und muss sich stärker in die aktuelle Debatte zur Zukunft der Psychiatrie einbringen, so Martin Urban. Das hat auch das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim, das international renommierteste deutsche Forschungsinstitut, erkannt: In den nächsten Tagen wird dort ebenfalls eine Soteria-Einheit in Betrieb genommen.

Für Interessierte stehen die Protokolle der Mitgliederversammlung und der Plenumsdiskussion hier zur Verfügung.